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Technik hilft

Safe@home: Noch läuft der Praxistest

Das Warnsystem Safe@Home alarmiert bei Stürzen oder Unglücksfällen automatisch Helfer. Die BruderhausDiakonie ist an der Entwicklung beteiligt.

safe@home kann Leben retten.

safe@home kann Leben retten.

Es war mitten in der Nacht, als Frau M. im Bad umfiel. Ein Schlaganfall. Den Notfallknopf konnte sie nicht mehr bedienen. Davor hatte sie immer Angst gehabt. Deshalb macht sie mit bei „safe@home“. Das ist ein Warnsystem, das im Notfall automatisch Hilfe ruft.

Sensoren werten Bewegungen aus

Im Zimmer von Frau M. im Seniorenzentrum Herzog Christoph der BruderhausDiakonie in Bad Urach, aber auch in ihrem Bad sind Sensoren installiert. Die registrieren alle Bewegungen im Raum und werten sie aus.

Als sich beim Sturz der Körperschwerpunkt von Frau M. ungewöhnlich schnell änderte, reagierten die Sensoren: Sie lösten über eine sogenannte Carebox einen Alarm aus. Innerhalb kurzer Zeit wurde Frau M. notfallmäßig versorgt – und überlebte. Ohne den intelligenten Bewegungsmelder wäre der Sturz vermutlich nicht so schnell entdeckt worden.

Die Technik fällt kaum auf

Ein kleiner weißer Kasten mit drei Augen, der aussieht wie eine Lautsprecherbox: Horst Heinrich, 88, im Gustav-Werner-Stift in Reutlingen deutet mit der rechten Hand an die Decke. Seit knapp einem Monat hängen acht solcher Boxen in seiner betreuten Zwei-Zimmer-Wohnung, ausgestattet mit jeweils zwei 3D-Sensoren. Wird der Witwer nicht direkt darauf angesprochen, fallen sie ihm gar nicht mehr auf. Dabei hat der gelernte Papiermacher beim Einbau jeden Schritt akribisch verfolgt. Das nächste Kästchen könnte er beinahe selbst einbauen.

Horst Heinrich ist noch rüstig. Seinem Sohn zuliebe ist er aus Eberswalde in der Nähe von Berlin nach Reutlingen gezogen, zunächst in die Ringelbachstraße. Jetzt wohnt er im Gustav-Werner-Stift mitten in der Stadt. Als Verena Pfister, Altenhilfe-Referentin der BruderhausDiakonie, den Rentner fragte, ob er sich vorstellen könne, an dem Forschungsprojekt teilzunehmen, sagte er spontan zu: „Wenn wir tatsächlich mehr Sicherheit haben, dann ist das doch eine feine Sache.“

So sicher wie nötig und so unabhängig wie möglich

Die Boxen haben ihn optisch auf dem Schirm, überwacht fühlt er sich deswegen nicht. Nee, sagt er, mit safe@home fühle er sich so sicher wie nötig und so unabhängig wie möglich. Misstrauisch ist der Mann, der in seiner Freizeit am liebsten angeln ging, überhaupt nicht. Heinrich zeigt Fotos von der Hochzeit der Enkeltochter, er ist ein optimistischer Mensch und Neuem gegenüber aufgeschlossen. Wenn er noch mal jung wäre, würde er auch forschen oder erfinden, erzählt er. Not macht erfinderisch, „und Menschen müssen sich entwickeln“.

Das System verhindert, dass Menschen hilflos daliegen

Auch wenn die weiße Box für Gesprächsstoff unter den Senioren im Gustav-Werner-Stift sorgt und sich mancher skeptisch äußert – er ist gern „Testläufer“. „Wenn alles klappen tut mit der Technik, dann ist das nicht nur für mich, sondern für die Zukunft.“ Recht hat er. Das neue Notfallsicherheitssystem, das dann reagiert, wenn der Notrufknopf nicht mehr gedrückt werden kann, soll verhindern, dass alte Menschen stunden- oder sogar tagelang hilflos und unversorgt in ihrer Wohnung liegen.

Das System hat Zukunft

Die Kabel sind routinemäßig verlegt, zukünftig sollen noch mehr Appartements im Gustav-Werner-Stift mit safe@home ausgestattet werden – in den kommenden eineinhalb Testjahren kostenfrei. Dann erst fallen geringe Miet- und Wartungskosten an. Wird die weiße Box, die kleinste Bewegungen rund um die Uhr registriert, nachträglich in einer Privatwohnung installiert, sind die Kosten mit bis zu 5000 Euro bislang relativ hoch.

„Wir brauchen ein bezahlbares Geschäftsmodell“, sagt Verena Pfister, die das Forschungsprojekt seitens der BruderhausDiakonie begleitet. Sie hat die Hoffnung, dass das System in den Pflegehilfsmittelkatalog aufgenommen oder serienmäßig in Wohnungen eingebaut wird. „Wir stehen hinter safe@home“, sagt sie, ob im Betreuten Wohnen oder privat zu Hause. „Eine zukunftsträchtige Sturzprophylaxe im Alltag“, nennt es der Leiter des Seniorenzentrums Herzog Christoph in Bad Urach, Thomas Stäbler.

Die Privatsphäre bleibt gewahrt

Das elektronische Notruf- und Assistenzsystem arbeitet mit optischen Hochleistungssensoren, die Position und Lage einer Person sowie ihre Bewegungen innerhalb eines Raums ermitteln. Mit diesen Werten erkennt die Technologie binnen Sekunden Stürze und identifiziert Reglosigkeit. „Die Privatsphäre wird gewahrt, da die Daten direkt im Sensor ausgewertet und somit weder gespeichert noch übertragen werden müssen“, sagt Ingenieur Marius Pflüger vom Stuttgarter Fraunhofer-Institut, das safe@home zusammen mit der BruderhausDiakonie und zwei Unternehmen entwickelt hat. Finanziert aus Mitteln des Sozialministeriums, läuft es in seiner zweiten Erprobungsphase. Danach soll es auf den Markt kommen.

Marianne Mösle

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